Wie alles anfing... Gedanken zum "Dickicht der Städte" und unserer Inszenierung

Brechts Drama zeigt die moderne Stadt als Überlebenskampf, in ihrer Unübersichtlichkeit und der Verwobenheit aller Einwohner. In der Zeit seiner Entstehung (1923, zweite Fassung 1927) entwarf es das Bild einer - gewaltsam aufrechterhaltenen - Geschlechterordnung, die die Strukturen der Städte bis in ihre symbolischen Verästelungen hinein prägte. Die Kämpfenden waren Männer -  ihre Frauen, Schwestern, Töchter waren Opfer, Spieleinsatz.

Unsere Inszenierung sieht diesen zweiten Schwerpunkt ein wenig anders, aktueller. In einer Zeit, in der Frauen in höchste Staatsämter und leitende Positionen in der Wirtschaft vordringen, wird der zentrale Zweikampf zwischen einer Frau und einem Mann ausgefochten. Und er wird nicht in erster Linie als Geschlechterkampf ausgefochten, sondern als Machtkampf in Zeiten einer globalisierten, immer unerbittlicher werdenden Warengesellschaft, welche die Charaktere formt und verformt, ihrer menschlichen Vielfalt beraubt. Schon Brecht, der zum Zeitpunkt der ersten Fassung des Stücks die Schriften von Karl Marx noch nicht gelesen hatte, sah in den Großstädten der Weimarer Zeit menschliche Beziehungen, geprägt von Konkurrenzkampf und Korruption, von Isolation, Anonymität und Instrumentalisierung des jeweils Schwächeren.

In seinem Verstehenwollen ging Brecht geradezu handwerklich vor - er verglich das Neue mit Bekanntem und versuchte es sich anfangs so zu erklären: Im Kampf zweier Konkurrenten sah er anfänglich Ähnlichkeiten mit einem Boxkampf,  seinem Verlauf, den Strategien der Kämpfer, dem Ergebnis - Sieg oder Niederlage. Das Stück erhält dadurch seine untergründige Spannung - wer gewinnt die nächste Runde, wer kann den Kampf vielleicht noch weiter eskalieren? Mancher Betrachter mag sich auch an die Züge eines Schachspiels - auf Leben und  Tod freilich - erinnert fühlen. Doch schon während des Schreibens sah Brecht, dass der Boxring gleichsam gesprengt werden musste, das Umfeld der Kämpfer wird unerbittlich mit einbezogen, die Kämpfenden verändern sich während des Kampfes.

Im Aufbau der Handlung, die er in die USA, in das Chinatown von Chicago verlegt hat,  arbeitet der Autor mit dem Kontrastprinzip: Ein Mann vom Land, „aus der Savanne", kommt mit seiner Familie (seiner Schwester Marie1, den Eltern Mae2 und John3) in die Stadt und erwartet anderes: Kultur, Bildung, geistige Bereicherung - und so hat er, George Garga4, sich eine Anstellung als Leihbibliothekar gesucht, liest mit rasender Hast und Leidenschaft Buch um Buch und ist dabei zufrieden. Eines Tages betritt eine Gruppe zwielichtiger Geschäftsleute die Leihbibliothek (Skinny5, die Privatsekretärin Shlinks; J. Finnay6, genannt der Wurm, ein Hotelbesitzer; Collie Couch7, genannt der Pavian, ein Zuhälter), angeführt von einer Holzhändlerin namens C. Shlink8, und will ihm seine Meinung über ein Buch abkaufen. George ist arm, schläft mit seiner Familie neben geplatzten Abflussrohren, was ihm prompt Vorwürfe wegen seines Körpergeruchs einträgt - aber klare Ansichten hat er und die will er sich um nichts in der Welt abkaufen lassen. So beginnt der Kampf...

Der Streit hat zunächst die Demolierung des Ladens und die Entlassung Gargas zur Folge. hat. Doch die Auseinandersetzung zwischen beiden steigert sich, eskaliert und nimmt monopolyhafte Züge an. Beide beziehen ihre gesamte Existenz wie auch - im Fall Gargas - die ihrer Familienangehörigen in den Kampf ein. Am Ende stirbt die lange überlegene Shlink durch Selbstmord. Der anfänglich naive, ethischem Handeln verpflichtete Bibliotheksangestellte jedoch hat eine neue Mentalität und Kampfesformen erlernt und wendet sich der nächstgrößeren Stadt zu - New York.

Tragische Figuren, in deren teils komischen Begrenztheiten sich jeder von uns - `mal hier, `mal dort - wiedererkennt, gibt es zuhauf:

Da ist Georges Braut Jane9, die sich vernachlässigt fühlt, daraus aber die falschen Schlüsse zieht und ihrem sozialen Abstieg unaufhaltsam entgegengeht.

Anrührender noch Marie, die Gefühle investiert und fehlinvestiert, ihren Bruder auf dem Weg der Moral zu halten sucht und schließlich - aller Illusionen beraubt - froh ist, bei einem Mann (Manky10), den sie nicht liebt, unterzukommen.

Schließlich die Protagonisten: C. Shlink ist mit allen Wassern der Konkurrenzgesellschaft gewaschen, aber unfähig zu Liebe und Mitmenschlichkeit. Sie kann Beziehungen nur als Kampfbeziehungen führen und in George Garga erkennt sie einen ebenbürtigen Kämpfer - doch dieser versteht das seltsame Beziehungsangebot nicht. Shlink schenkt ihm ihren Holzhandel, um Waffengleichheit herzustellen, doch George, der Idealist, gibt die Immobilie gleich an die Heilsarmee weiter - was soll er damit, denkt er, zumindest noch in diesem Stadium... Doch dann lernt er von Shlink, leider das Falsche, die Mittel und Tricks sich in der Konkurrenzgesellschaft nach oben zu boxen; gleichwohl erkennt er die Kälte des Wegs, der vor ihm liegt und schließt mit den Sätzen: „Allein sein ist eine gute Sache. Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit."

Tragik darf noch ausgespielt werden, Brechts „episches Theater" ist erst in Ansätzen vorhanden.

Deshalb ein Stück, das unter die Haut gehen darf und geht!

 

Dr.  Hans-Peter Goldberg, November 2008

1 Laura Weber
2 Antonia Meiritz
3 Jens Soeterboek
4 Niklas Goldberg
5 Annika Hollmann
6 Valentin Goldberg
7 Adrian Haardt
8 Jana Remus
9 Neslihan Erkal
10 Jochen Strohm

Diashow zur Aufführung

zuletzt bearbeitet: 28.03.2012 von ungar

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