"Die ganzen Gefühle ... nerven wie Drahtseile"

Es ist nicht nur der Wortwitz, der Sarah Kuttners Roman “Mängelexemplar”, wie in diesem Textzitat zu sehen, zum Bestseller gemacht hat, sondern ebenso auch das Testbedürfnis einer im Alltag arg strapazierten Leserschaft: “Wieviel davon ist in mir drin?” (O-Ton Kuttner). Dazu sicherlich die – Voyeurismus und Besserwisserei gleichermaßen – herausfordernde Verbindung von Autorin und Thema: Eine ehemalige TV-Musikredakteurin schreibt über die “Volkskrankheit” Depression – verhebt sie sich da nicht ein wenig, die Gute?

Das waren letzten Mittwoch, den 11.11.09, auch Themen der gut besuchten und erfreulich kontrovers geführten Literaturveranstaltung am Schiller-Gymnasium: “Depression im populären Bestseller – Missgriff oder Glücksfall?”.

Die medizinische Seite des Phänomens beleuchtete in ihrem Vortrag Frau Dr. Birgit Abler, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Uni Ulm): Sie stellte auf eine sehr angenehme, verständliche, keineswegs wissenschaftlich gespreizte, aber dennoch exakte Weise die Grundmerkmale und -varianten der Krankheit “Depression” vor. Auf die Frage einer Schülerin, wie sie persönlich mit der täglichen Auseinandersetzung mit depressiven Krankheitsbildern zurecht komme, erwiderte sie auf sympathisch-glaubwürdige Weise: Es brauche eine Mischung aus Empathiefähigkeit und privater Distanznahme, um dies zu bewältigen.

Aus der Sicht der mit klinischen Fällen betrauten Wissenschaftlerin vertrat sie eine durchaus ambivalente Sicht auf das Werk Kuttners: in Einzelepisoden der Erkrankung stimmig, als schlüssiges Gesamtbild einer depressiven Erkrankung eher unwahrscheinlich.

Aber sei dies für das Buch, für seine literarische Absicht, überhaupt von wesentlicher Bedeutung, ob nun eine unter die Zunge zu legende Tablette weiß oder hellblau sei, gab ein Schüler in der Diskussion zurück – denn das Buch ist gerade Unterrichtsthema in zwei, von Dr. Hans-Peter Goldberg und Sabrina Jalics unterrichteten, Deutschkursen der Schule. Sie habe das Buch in einem Zug durchgelesen, berichtete eine Schülerin, ein Mitschüler sekundierte, bei üblicher Deutschlektüre schlafe er abends im Bett schneller ein als ihm lieb sei. Eine erwachsene Besucherin ließ ihre Stellungnahme für den Text in den Worten gipfeln: “Der Roman trifft den Nerv unserer gegenwärtigen Zeit.” Aber das sei doch kein seriöses Buch über eine Krankheit, wenn ein Buch mit dem Satz “Eine Depression ist ein fucking Event!” beginne, scholl es von der Seite eines ehrenamtlich mit der Bekämpfung der Krankheit befassten Diskutanten zurück.

Gehe es denn aber überhaupt darum, klang es aus anderen Beiträgen heraus: Gehe es nicht vielmehr um das subjektive Erleben der Hauptfigur Karo, die schnell und flexibel, intelligent, selbstironisch und liebenswert die Untiefen unserer Gegenwart zu meistern sucht. Als sie ihren Job verliert, einige Freunde – vielleicht zu voreilig – “aussortiert” und mutig ihre auf faulen Kompromissen beruhende Beziehung beendet, verliert sie auf einmal den Boden unter den Füßen. Plötzlich brechen Angstattacken durch, fällt sie unerwartet in einen Abgrund. Und als auch die cleversten Selbsttäuschungen nicht mehr helfen, tritt sie verzweifelt und mit wütendem Humor ihrer psychischen Krise entgegen.

Immer wieder wurde zudem der jugendlich saloppe, zugleich selbstironische Stil der Autorin hervorgehoben, der einer breiten Leserschaft den Zugang zu dieser Thematik ermöglicht habe. Und darin war man sich schließlich einig: Der Roman von Sarah Kuttner habe dem Tabuthema “Depression” Zugang zu Leserschichten verschafft, die sich sonst nie mit einer solchen Thematik befassen würden.

Gb/Ja


zuletzt bearbeitet: 28.03.2012 von ungar

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